Anders als in den meisten Ländern Asiens hat das Biertrinken in Vietnam eine lange Tradition. In Sachen Bierkonsum belegt das Land in Asien den dritten Platz nach China und Japan. Passend zu dem seit Jahren stetigen Wirtschaftswachstum ist Vietnam für ausländische Bierproduzenten ein Wachstumsmarkt. Allerdings behindern hohe Importzölle die Einfuhr ausländischer Biere. Auch dies ist ein Grund, warum vor allem einheimische Brauerzeugnisse und seit einigen Jahren auch Craftbier inzwischen bei den Vietnamesen und den zahlreichen Touristen aus aller Welt voll im Trend liegen.
Lange Bier-Tradition
Ende des 19. Jahrhunderts brachten französische Kolonialisten die Braukunst nach Vietnam, später waren es Brauer aus Tschechien, die Einfluss nahmen. Heute teilen sich den vietnamesischen Biermarkt vor allem drei große Player. Einer ist die Hanoi Beer Alcohol and Beverage Joint Stock Corp (Habeco), heute im Besitz des vietnamesischen Staates und der Carlsberg-Brauerei. Weitere sind die privatwirtschaftliche Sabeco und der niederländische Heineken-Konzern. Inzwischen boomt jedoch auch die Craftbier-Szene und Mikrobrauereien vermehren sich, vor allem in den großen Städten Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt (ehemals Saigon). Bieraffine Restaurantketten, wie sie zum Beispiel von der vietnamesischen Golden Gate Group betrieben werden, schaffen in Brauerei-Pubs Oktoberfest-ähnliche Trinkgelage – allerdings Tag für Tag und mehr oder weniger rund um die Uhr.
Gewandelte Trinkgewohnheiten
Interessant ist dabei der Wandel in den Trinkgewohnheiten: Typisch für Vietnam sind die „Bia Hoi“, landestypische Bars im Freien, in denen das gleichnamige Frischbier ausgeschenkt wird. Täglich frisch gebraut und auf niedrigen Hockern genossen, ist es schon lange beliebt bei Einheimischen und Reisenden. Die Bia-Hoi-Tradition geht mit einer Vorliebe für leichte Biere einher, noch dazu ist das einheimische Gebräu günstig und wird daher in größeren Mengen getrunken.
Mit der erstarkenden Wirtschaft und der Begeisterung für internationale Einflüsse wenden sich die Vietnamesen nun handwerklich gebrauten Craftbieren zu, die sie bewusster genießen und die durchaus kräftig sein dürfen. So liebt man beispielsweise IPAs und auch Gose im deutschen Stil. Trotz subtropischen Klimas mit Temperaturen von bis zu 40 Grad trinkt man nicht selten auch Porter- und andere Schwarzbiere. Allerdings beherrschen den vietnamesischen Craftbier-Markt gut trinkbare Craftbiere im Pale-Ale-Stil. Ebenfalls beliebt sind Weizenbiere, die nicht selten durch heimische Früchte interessante Geschmacksnoten erhalten. Die komplett mit deutschem Brauequipment ausgestattete Craft-Brauerei C-Brewmaster aus Hanoi bietet ein Honig-Bier an, das Vietnamesen und Touristen in gleichem Maße schätzen.
Oft stehen hinter den Maischbottichen hocherfahrene Braumeister aus den USA oder Asiaten, die in Deutschland ihre Ausbildung absolviert haben. So kommen bei 7-Bridges (Danang), East-West (Saigon), Turtle Lake (Hanoi) oder Rooster (Saigon) die Biere allesamt aus der Hand von US-amerikanischen Brauern. Allerdings kristallisierten sich trotzdem schnell Bierstile heraus, die eine klare vietnamesische Handschrift tragen. Frei von einem deutschen Reinheitsgebot werden mit Begeisterung lokale Zutaten wie Kakao, Jasmin, Ingwer, Zitronengras oder Passionsfrucht eingesetzt, die spannende Geschmacksnuancen bieten.
Bei den anderen Inhaltsstoffen vertrauen die Craftbrauer auch in Vietnam allerdings gern auf Importware: Der Hopfen kommt nicht selten aus dem amerikanischen Yakima-Tal oder aus der Hallertau, und beim Malz ist Deutschland der Partner der Wahl. So ist auch Palatia Malz über seine Partner Beerplaza und Artimalt vertreten. Stark nachgefragt werden zum Beispiel Pale Ale, Pilsener Malz, Weizenmalz und der Craftbier-Klassiker Red X. „Anders als in einigen anderen jungen Craftbier-Märkten überzeugen die vietnamesischen Craftbiere mit Trinkbarkeit und einer feinen Nuancierung. Auf ,Triple-IPA-Bomben‘ wird weitgehend verzichtet, da erfahrene Braumeister einen guten Mittelweg zwischen lokalen Geschmackstraditionen und der unendlichen Vielfalt der Möglichkeiten des Craftbier-Brauens gefunden haben“, sagt BESTMALZ-Chef Axel Göhler nach seiner Rückkehr von einer Besuchstour verschiedener lokaler Brauereien Vietnams.
